zum Stück

Rudolf Waldemar Brem liest aus „Im Land des Apfelbaums“, Gedichte von RWF & aus “Angriffe: Fassbinder, Vesper, Nico.“ Drei Romane von Alban Lefranc

zu Fassbinder

Ich bin es ihm schuldig. Und vielleicht kann man doch das eine oder andere gerade rücken, und das eine oder andere neu an ihm entdecken. Man kann diesen Kerl immer wieder durch den Fleischwolf drehen und immer wieder kommt etwas Nahrhaftes dabei heraus.
Was mich mit Fassbinder verbindet?
Seit unserem gemeinsamen Theaterdebut 1967 am Münchener Action-Theater war ich bis 1974 so etwas wie sein Maskottchen. Ich sollte überall dabei sein. War ich auch mehr oder weniger, meist weniger. Von LIEBE IST KÄLTER ALS DER TOD bis ANGST ESSEN SEELE AUF. Dann wurde ich 1974, in dem Jahr in dem er an das Theater am Turm, an das TAT, nach Frankfurt ging, bürgerlich und heiratete, weil ich Vater wurde. Rainer und ich hatten uns nie Briefe geschrieben, doch jetzt schickte er mir auf einmal einen jener unglück- oder glückbringenden Kettenbriefe, mir, seinem Maskottchen, seinem Glückbringer. Entgegen der Regel schickte ich diesen Brief an ihn, den Absender zurück und durchbrach die Kette sehr bewusst mit einem Stück Tesa-Film, das ich ihm als „Ratgeber“ in den Brief hinein klebte. Nach neun Monaten schmiss er das Theater hin. Er wurde in ziemlich rasantem Tempo kokainabhängig. 1982, acht Jahre später, starb er an dieser Sucht. Manchmal träume ich noch von ihm: Da ist er dann mein Maskottchen, heißt Smokey, weil er natürlich wie immer Kette raucht und bringt mir Glück, mehr oder weniger.
Ernsthaft? Die Jugend. Wir küssten und wir schlugen uns. Wegen der Liebe zur Mutter, ihrer Küche, Kaffee und Kuchen; wegen der Liebe zum Theater, seiner Kantinen und dem Publikum; wegen der Liebe zum Film, schmuddligen Kinosesseln und zur Publicity und wegen Sex, Drogen und Alkohol. Noch was?
Was mich von ihm unterscheidet?
Ich lebe. Er ist tot. Manchmal besuch ich ihn an seinem Grab.

zur Person

aus einem Interview mit RAINER WERNER FASSBINDER.
"Zur Zeit von ANTIGONE war ein Oberschüler gekommen und hatte für seine Schülerzeitung Interviews mit uns gemacht. Der hieß Rudolf Waldemar Brem und hat sich sehr für das Theater interessiert und hat auch gesagt, er würde gerne mal mitspielen. Der war auch nicht dumm. Also zumindest für mein Bewußtsein war er nicht dumm, weil er ungefähr das gespürt hatte in der Aufführung von ANTIGONE, was ich auch gespürt hatte, als ich da drin gewesen bin und drum hab ich schon so n Interesse für den gehabt und es ging jetzt darum, LEONCE UND LENA zu besetzen. Ich hab vorgeschlagen, daß man den Brem dazu nimmt und bin da auch zum ersten Mal wiederum jetzt auf Widerstand gestoßen. Nicht nur von allen andern, sondern in dem Fall auch von Willi (=Peer Raben) und von der Ursel (=Ursula Strätz), die nun plötzlich...es ist wirklich so gewesen, weil ich offensichtlich Interesse an jemand anderem habe,...an sich da schon mal dagegen waren. (...) Aber im Prinzip ist das schon eins der wesentlichen Elemente geblieben, zumindest beim Willi. Die Strätz hat das tatsächlich verstanden bei sich zu verändern, oder es hat sie in einem späteren Stadium nach ihrer Krankheit nicht mehr so sehr interessiert. Beim Willi ist das schon ein Element geblieben, daß er auch ab einem bestimmten Moment, nämlich ab LEONCE UND LENA, also ab dem Rudolf Waldemar Brem, eigentlich gegen jeden Neuzugang gewesen ist. Was er bei der Hanna, weil es ein Mädchen war, noch akzeptiert hatte, war beim Rudi, weils ein Junge war, an sich schon nicht mehr akzeptabel. Das ist nun auch eine ganz private Sache."
 
RWF:
"Wir haben also am nächsten Tag unter dem Namen antiteater annonciert und haben Plakate für den MOCKINPOTT machen lassen und haben am nächsten Abend sowas versucht wie eine Gründungsversammlung zu machen. Wir haben also versucht, eine Anzahl von Leuten zusammen zu bringen, die sagen, ja, wir sind jetzt das antiteater. Zu denen haben haben gehört, außer Raben und mir, der Kurt Raab, der Jörg Schnmitt, Rudolf Waldemar Brem, Doris Mattes, Lilith Ungerer, Hanna Schygulla und Irm Hermann. Was auch der Besetzung von MOCKINPOTT entsprach,...(vergessen hat RWF hier Gunter Krää)"  
RWF:
"Jetzt war das antiteater mittlerweile immerhin so berühmt, daß es vom Forum-Theater in Berlin eingeladen wurde, da ein Gastspiel zu machen. Wir haben zugesagt, dieses Gastspiel zu machen und haben uns dann auch noch auf so einen unheimlich neckischen Termin geeinigt, nämlich am Heiligen Abend um 24 Uhr die IPHIGENIE AUF TAURIS da zu spielen. (...) Es kam auch da zu einer harten Auseinandersetzung, in der ich mich mit Herrn Solinger geschlagen habe und mit Herrn Brocksieper auf alle Ewigkeit zerstritten und mit Frau Buser in meinem Leben kein Wort mehr reden werde.(...) Wir standen also nun drei Tage vor Heilig Abend (...) total ohne Besetzung da. Und wir haben jetzt in zwei Tagen in der Besetzung Irm Hermann als "Iphigenie", mit mir (als Orestes), mit Willi, der der einzige war, der gespielt hatte, mit Kurt Raab, der die Rolle, die er schon mal geprobt hatte, nun doch wieder spielte und mit Rudolf Waldemar Brem, der die Rolle (des Pylades) von, glaube ich, Hartmut Solinger (Fassbinder korrigiert sich später: Brem übernahm die Rolle des Pylades von Johannes Kiebranz) übernommen hat, das Stück gespielt. Und es war halt - ich mein, Berlin 24. Dezember um 24 Uhr, es ist halt auch schon so eigenartig, daß dabei halt nur ein Witz rauskommen kann. Aber es war nach außen hin sicherlich ein Katastrophe und es gab auch, ich weiß nicht was für verheerende Verrisse in Berlin, aber für die fünf Leute, die da nun nach Berlin gefahren waren, wir haben so das Gefühl gehabt, wir sind an sich die Stoßtruppe des antiteaters, wir sinds. Das ist ganz klar. Wir sind hier am Heilig Abend um 24 Uhr in Berlin, vor diesem reißenden, wölfischen Publikum und es hat sich auch in späteren Zeiten rausgestellt, daß das tatsächlich so die sicherste Truppe des antiteaters gewesen ist, diese fünf Leute.  
"Dann fuhren wir weiter nach Paris und da sind wir im PELICAIN gesessen, nebn dem UNIVERS und haben so überlegt: Jetzt hätten wir eigentlich bis das mit dem BAAL (Fassbinder spielte in Volker Schlöndorffs BAAL-Verfilmung die Rolle des Baal) anfängt, hätten wir noch so vier Wochen Zeit, was machen wir denn da? (...) Und dann haben wir überlegt, was könnten wir für einen Film machen und dann haben wir so in der Vergangenheit rumort und wenn ich ganz ehrlich bin, ist Rudolf Waldemar Brem auf die Idee gekommen, KATZELMACHER zu verfilmen. Und das fand ich aber auch gleich sehr toll und wir haben uns, weiß nicht, glaube ne halbe Stunde später ins Auto gesetzt und sind nach München gefahren, um KATZELMACHER zu verfilmen.

Auszüge aus Corinna Brochers: Gespräche mit RAINER WERNER FASSBINDER über die Geschichte des antiteaters :